»Stände
Ein spitzer Schrei ertönt von der hinteren Ecke des Marktplatzes: "Haltet den Dieb!" und an Edouards Marktstand stürmt, von den Wachmännern verfolgt, ein junger, in Lumpen gekleideter Mann vorbei.
Edouard schaut dem Mann aus der untersten Schicht, dem Abschaum, noch einen Moment hinterher. Ein Seufzer der Erleichterung entfährt ihm: Hat er doch vor wenigen Jahren selbst noch edlen Herrschaften aufgelauert, um ihnen den kostbaren Schmuck zu entreißen oder die Marktstandbesitzer nach einem Stück Brot gefragt.
Aber auch an die guten Seiten erinnert er sich noch: All die geheimen Orte und der Zusammenhalt der Gemeinschaft, zu der er jetzt keinen Zugang mehr hat. Wie schnell konnte er sich doch immer wieder an neue Gegebenheiten anpassen und neue Fertigkeiten erlernen und wie erfüllte es ihn immer mit Stolz, eine besonders schwere Aufgabe bewältigt zu haben.
Doch er hatte den Aufstieg geschafft, er war jetzt Bürger Edouard, Mitarbeiter einer kleiner Schmiede und Angehöriger der Schmiedezunft.
Nun steht er hier, Tag für Tag, und fertigt auf Wunsch der angeseheneren Bürger und Adelsleute Waffen, Rüstungen und Werkzeuge an, um später seine eigene Schmiedewerkstatt eröffnen zu können und Gehilfen einstellen zu können. Doch er hatte auch Angst vor dieser Verantwortung, was wäre, wenn er seine Darlehen nicht bezahlen konnte? Er würde unweigerlich wieder in den Abschaum rutschen und der mühsame Aufstieg begänne von Neuem.
Sein größtes Ziel war es aber doch, einmal einen Adelstitel zu tragen und zu herrschen, ein großes, vornehmes Haus zu besitzen und den Mitgliedern des Adelsrats zu sagen, was wirklich verändert werden muss. Auf gar keinen Fall wollte er so enden wie Herzog Baptiste, von dem man munkelte, er habe all sein Vermögen und seine Besitztümer verloren, weil er sich nicht genügend um seine Ländereien gekümmert habe. Vielleicht sollte er lieber dem Klerus beitreten? Er bräuchte sich keine Sorgen mehr um sein Einkommen machen, schließlich bezogen die Geistlichen ihr Einkommen, wie jeder wusste, aus der Klosterkasse. Und hinter vorgehaltener Hand flüsterten die Menschen sich zu im Kloster gäbe es ein geheimes Archiv, das Texte über das Wesen der Welt enthält. Ja, so ein ruhiges, beschauliches Leben ohne Kämpfe, ohne Sorge um Krankheiten wäre auch ein überlegenswerter Weg seiner Zukunft.
An dieser Stelle musste Edouard seine Gedanken unterbrechen, als ein Kunde ihm einen Auftrag brachte. Bis Edouard wusste, wie seine Zukunft aussieht, würden noch viele Tage vergehen und bis dahin wollte er sich bestens um seine Arbeit kümmern.
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